Lewis Hamilton ist eigentlich viel zu lange im Formel-1-Geschäft, um so aus der Haut zu fahren, wie beim Großen Preis von Mexiko am vergangenen Sonntag. "Wir haben ein Problem. Ein großes, großes Problem", zischte der 41-Jährige im Teamradio der Scuderia Ferrari. Die internationale Regie blendete den wutinjizierten Funkspruch ein, als Hamilton nach einem zwischenzeitlichen Rennabbruch auf seinem Roller in die Garage fuhr und das Gefährt in die Ecke pfefferte.
Auch nach dem Rennen, in dem sich Mercedes-Pilot Kimi Antonelli zum jüngsten Weltmeister der Formel-1-Geschichte krönte, meckerte Hamilton auf der Pressekonferenz unentwegt. "Wir hätten locker einen Doppelsieg einfahren können. Das Tempo dafür hatten wir. Aber wenn dein Teamkollege gegen dich arbeitet und du dann so Positionen verlierst, ist das definitiv hart", gab der Brite zu Protokoll. Damit nicht genug: "Der Typ ist 29, also glaube ich nicht, dass es am Alter liegt. Ich denke, es ist eine Frage der Mentalität", sprach Hamilton seinem Stallrivalen die nötige Reife ab und kündigte ein "klärendes Gespräch an". Außerdem hoffe er, dass Ferrari auf "ein besseres Arbeitsklima" hinarbeite.
Mit seinen eigenen unreifen Aussagen hat sich Hamilton allerdings ein Eigentor geschossen. Er hätte sich nach dem enttäuschenden Rennen, das er nach einem tollen Start beim zweiten Re-Start noch als Zweiter beendet hatte, anders inszenieren können. Nein, müssen. Dass ihm am Funk andauernd die Gäule durchgingen, ist vielleicht noch mit dem Adrenalin im Cockpit zu rechtfertigen, sein vehementes Fingerzeigen auf der PK nicht.
Die Runde danach bietet genug Abstand für reflektierte Aussagen. Unter der Dusche hätte der Engländer seine Wut endgültig einseifen und in den Abfluss spülen können. Hamilton spielte zwar wie immer Mr. Cool, aber er verkörperte ihn nicht. Selbst am Montag noch fühlte er sich bemüßigt, via Instagram nachzulegen: "Wir müssen jede sich bietende Chance nutzen, daher ist es unglaublich frustrierend, und ich kann nicht so tun, als wäre es anders."
Leclerc provozierte Duell auf der Bremse
Sir Lewis Hamilton, siebenmaliger Weltmeister, 106-maliger Grand-Prix-Sieger und seit Samstag 105-maliger Polesitter, hätte sich in der Pressestube als Elder Statesman der Formel 1 präsentieren können. Stattdessen gab der bekennende Veganer den beleidigten Leberwurst-Boy. Dabei hat Hamilton gewichtige Argumente auf seiner Seite. Dass Ferrari in Mexiko nicht gewann, geht in der Tat zuerst auf Leclercs Kappe. Der Monegasse hatte es in der Startphase zu weit getrieben. Noch nicht in Kurve 1, wo er dank Geschwindigkeitsüberschuss außen einen legitimen Angriff startete, den Hamilton mit viel Übersicht in der folgenden Kurvenkombination konterte. Auch noch nicht vor Kurve 4, auf die Leclerc außen neben seinem Teamkollegen erneut mit viel Überschuss zuflog. Wohl aber beim Bremsen.

Ferrari-Zoff: "Der Besonnene ist eher Lewis Hamilton"
Leclerc bremste auf der allerletzten Rille und zwang Hamilton damit praktisch, den Wer-tritt-als-Letzter-das-Bremspedal-Contest mitzuspielen. Die roten Piloten stiegen derart spät in die Eisen, dass keiner von beiden eine realistische Chance hatte, die Kurve ordnungsgemäß zu durchfahren. Aus der Erfahrung der letzten Mexiko-Jahre hätte vor allem Leclerc auf der Außenbahn klar sein müssen, dass es für den Außendarsteller dann in die Wiese geht.
Der seit dem 16. Oktober tatsächlich 29-jährige Routinier zögerte seine Bremsaktion dennoch solange hinaus, dass er mit großer Wahrscheinlichkeit selbst dann übers Grün hätte abkürzen müssen, wenn Hamilton früher auf der Bremse gewesen wäre. Kurzum: Leclerc startete ein unrealistisches Überholmanöver. Seine Rechtfertigung, Hamilton habe ihn "abgedrängt", ist zu einfach, zu billig. Er selbst war der Auslöser des "High Noons under braking" - der Provokateur des roten Unheils.
Hamilton hat dieses Jahr zurückgeschlagen
Leclerc gefährdete mit seiner übermotivierten Attacke den ohnehin fragilen Ferrari-Frieden. Er hat es "vermasselt", konstatierte Hamiltons einstiger F1-Intimfeind Nico Rosberg. Vermasselt hat es aber auch Hamilton mit seiner giftigen Rhetorik. Dabei ist Leclercs aggressives Manöver eigentlich eine Auszeichnung, die dem Altmeister Genuss verschaffen müsste. Seit Jahren hat der Mann aus dem Fürstentum eine veritable Hausmacht bei Ferrari hinter sich. Im Vorjahr fuhr er dem gebeutelten Hamilton um die Ohren. Dieses Jahr hat sich der Wind gedreht - und bläst Leclerc bisweilen garstig ins Gesicht.
In der Fahrer-Weltmeisterschaft liegt Hamilton als Dritter 14 Punkte vor Leclerc auf Rang fünf. Seit der Sommerpause hat der zwar Oberwasser. Der alte Renn-Haudegen Hamilton lässt sich aber nicht abschütteln. Wie stark er in dieser Saison fährt, macht ein Blick auf die Qualifying-Bilanz deutlich: Dort steht es nur 10:9 für Leclerc, den nicht wenige Experten für den schnellsten Zeitenjäger auf einer Runde halten. In Mexiko versetzte Hamilton seinem Garagen-Nachbarn in dessen Parade-Disziplin einen Nadelstich: War Leclerc in den Trainings der Schnellere, raste der Oldie am Samstag zu seiner ersten Pole Position mit Ferrari. Leclerc wurde nur Dritter.
Meckernder Superstar stellt Teamchef Vasseur bloß
Hamilton hätte nach dem Rennen die Chance gehabt, das Duell mit seinem roten Rivalen verdampfen zu lassen. Er hätte sagen können, die Bilder sprächen doch für sich. Er hätte es dabei belassen können, der Vorfall werde intern aufgearbeitet. Er hätte seine Charme-Offensive an die Ferrari-Mitarbeiter noch stärker betonen können, die "so hart" gearbeitet und durch den unnötigen Scuderia-Zweikampf nun die Siegprämie verpasst haben. Er hätte Leclerc sogar genüsslich ein paar fein verpackte Giftpfeile aus der Werkzeugkiste der psychologischen Kriegsführung zukommen lassen - Tenor: Seht nur, der Ferrari-Prinz verliert im Duell mit mir langsam, aber sicher die Nerven. Hamilton aber wählte die Hammertime und schwang die Keule.

Ferrari-Zoff: Ralf Schumacher kritisiert Hamilton hart
Die Nummer 44 hat damit die Chance verpasst, Ferrari-intern als besonnener Teamplayer Pluspunkte zu sammeln. Gegen seinen italienischen sprechenden Kontrahenten hat Hamilton seit jeher einen natürlichen Nachteil. Zu einem Formel-1-Renstall gehören aber immer zwei Mannschaften. Auf Leclercs Seite wird der verbale Großangriff böses Blut aufkochen lassen. Vor allem hat Hamilton die Gelegenheit liegen lassen, Teamchef Frédéric Vasseur auf seine Seite zu ziehen. Mit dem Franzosen verbindet Hamilton zwar schon seit 20 Jahren ein freundschaftliches Verhältnis. Italienischen Medienberichten zufolge strapaziert die Saison 2026 die gute Beziehung aber. Vasseur sei mit Leclerc zu nachsichtig.
Dank Hamilton steht der ohnehin angeschlagene Vasseur nun ganz schlecht da. Noch schlechter als sowieso schon. Noch stärker unter Druck, der bei Ferrari auch so immens ist. Ein Teamchef, der seine Piloten nicht im Griff hat respektive nicht in den Griff bekommt. Merci beaucoup, wird sich der Capo denken. Im Machtkampf bei Ferrari hat Lewis Hamilton in Mexiko wie ein Beginner agiert - nicht wie ein erfahrener, gerissener Rekordweltmeister. Dass er eigentlich im Recht war, ist gar nicht mehr Thema. Auf italienisch heißt das: Autogol.


