Wirtschaft

Cyberangriffe auf SupermärkteWie Hacker Kühlanlagen zum Heizen bringen

04.11.2026, 11:21 Uhr
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Ein zentrales Steuergerät regelt in vielen Märkten Temperatur, Alarme und Abtauzyklen. (Foto: picture alliance / Lorenz Huter/photothek.de)

Über Nacht manipulieren Hacker die Kühlanlagen mehrerer Supermärkte aus der Ferne. Auch deutsche Händler müssen Lebensmittel entsorgen. Wie die Täter eine Funktion der Geräte ausnutzen, was es mit den gemeldeten 50 Grad auf sich hat und was die Behörden dagegen unternehmen.

Was ist passiert?

In der Nacht zum 2. November wurden Kühlanlagen in mehreren europäischen Ländern aus der Ferne manipuliert. In betroffenen Märkten wurden Kühlregale, Tiefkühltruhen und Kühlräume so warm, dass Händler große Mengen Lebensmittel aus dem Verkauf nehmen und entsorgen mussten. Schon in der Nacht zum 12. Oktober hatte es ähnliche Angriffe gegeben, die vor allem Frankreich trafen. Ob beide Wellen auf dieselben Täter zurückgehen, ist offen.

Ist Deutschland betroffen?

Ja. Bekannt sind Fälle bei CAP in Wuppertal und Wetter-Volmarstein, bei Rewe in Raesfeld sowie bei Edeka in Reisbach und Lilienthal. In der Westpfalz meldete die Polizei außerdem zwei Vorfälle in den Kreisen Kaiserslautern und Kusel. Betroffen sind ein Supermarkt und ein Lebensmittelverarbeiter. Einen weiteren Fall in Diepholz prüfen die Ermittler.

Wieso können Kühltruhen überhaupt heiß werden?

Eine Kühltruhe funktioniert wie eine Wärmepumpe. Sie entzieht dem Innenraum Wärme und gibt sie nach außen ab. Dazu kommt die Wärme, die der Kompressor beim Betrieb erzeugt. Deshalb können sich die Seitenwände oder die Rückseite deutlich warm anfühlen, während innen alles gefroren bleibt. Gewerbliche Kühlanlagen können aktiv heizen, weil sie Eis an den Kühlflächen abtauen müssen. Bei manchen Anlagen sitzen dafür elektrische Heizstäbe am Verdampfer. Wer Zugriff auf die Fernsteuerung erlangt, kann bei entsprechend ausgestatteten Anlagen den Abtaumodus auslösen.

Was genau haben die Angreifer mit den Anlagen gemacht?

Sie haben die Anlagen in diesen Abtaumodus versetzt. Ein zentrales Steuergerät regelt in vielen Märkten Temperatur, Alarme und Abtauzyklen. Diese reguläre Funktion wurde missbraucht. Daten wurden nicht gestohlen, Kassen- und Warenwirtschaftssysteme nicht angegriffen. In manchen Märkten lösten die Alarme dadurch sogar verzögert aus. Die Temperaturen stiegen auf bis zu 50 Grad.

Wie finden Angreifer solche Geräte?

Öffentlich erreichbare Steuergeräte lassen sich durch automatisierte Internetscans entdecken. Suchmaschinen für vernetzte Geräte wie Shodan erfassen solche Systeme. Die Sicherheitsfirma Forescout fand so weltweit knapp 13.000 öffentlich erreichbare Dienste zur Kühlsteuerung auf rund 6.000 Internetadressen. Die Zahl beschreibt, wie viele Dienste von außen erreichbar waren. Wie die Täter die konkreten Ziele fanden, ist bislang offen.

Gab es außer verdorbenen Lebensmitteln weitere Schäden?

Ja, der Betrieb war gestört. Kühlbereiche fielen zeitweise aus, Personal musste Ware aussortieren und in Lilienthal übernahm eine Fachfirma die Entsorgung. Die betroffenen Geräte in Reisbach wurden vom Internet getrennt. Für die Oktoberwelle in Frankreich berichtete Reuters außerdem von Bränden. Das Ausmaß möglicher Schäden an den Anlagen in der Novemberwelle ist offen.

Waren Verbraucher gefährdet?

Eine unterbrochene Kühlkette kann ein Gesundheitsrisiko sein, vor allem bei Fleisch, Fisch und Milchprodukten. Entscheidend sind die Temperatur der Ware und die Dauer der Erwärmung. In den bekannten Fällen nahmen Händler betroffene Produkte aus dem Verkauf. Erkrankungen im Zusammenhang mit den Angriffen sind bislang öffentlich nicht bestätigt. Das BSI sieht die Lebensmittelversorgung in Deutschland als gesichert an.

Was wird gegen die Hackerangriffe unternommen?

Die EU-Cybersicherheitsagentur Enisa, die Polizeibehörde Europol und die zuständigen Experten beraten, was zu tun ist. Auch das europäische Netzwerk für Cyberkrisen ist aktiviert worden. Die Ermittlungen zu den Angriffen laufen nach Angaben des Sprechers bei den nationalen Behörden, die Kommission stehe mit ihnen in engem Kontakt. Wer hinter den Attacken steckt, ist bislang unklar. Die Vorfälle zeigten aber, dass Europa sich gemeinsam auf solche Angriffe einstellen müsse.

Im Nachrichtensender "Welt TV" sagte Bundesdigitalminister Karsten Wildberger: "Erstmal zeigt das, dass wir in einer Welt leben, wo immer häufiger das Thema Cybersicherheit an Bedeutung - leider - gewinnt. Heißt auch: Auch alle Unternehmen, das gilt auch für die Verwaltung, müssen mehr Vorsorge tragen."

Quelle: ntv.de, mba

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